Gate Division Vol.1 Fragment 03 (Update 25.10.2011)

Neu:

Gate Division

Vol.1:

Fragment 03: Skull

 

Vol. 1


Fragment 03 – Skull



Mein Herr, es ist ein Junge“, erklärte der Arzt gleich nachdem er aus dem Zimmer gekommen war.

Der Mann vor ihm zeigte keine Regung.

Sie können jetzt hineingehen.“

Er trat durch die Tür in das weiträumige Zimmer, in dem sich nur ein großes Doppelbett befand. Fenster von der Decke bis zum Boden brachten links und rechts Licht hinein. Doch jetzt war es nicht das Licht der Sonne oder des Mondes.

Ist er nicht wunderhübsch?“, fragte die Frau, die aufrecht saß und ein Bündel auf dem Arm trug. Sie lächelte, wenn auch erschöpft.

Der Mann blieb an der Tür stehen. Sein Gesicht war nicht zu sehen. Stumme Tränen rannen seine Wangen hinab.

Explosionen und Feuer brachten ein Spiel von Licht und Schatten in den Raum.


AUFHÖREN?!“ Außer sich vor Angst versuchte Konni dazwischen zu gehen. Charles benötigte nur einen Handgriff und die Rothaarige fiel auf die Knie, nicht in der Lage sich zu rühren.

Was ist das? Was hast du getan? Ich … ich spüre meine Muskeln nicht.“

Ich habe dich lediglich paralysiert. In ein paar Minuten hast du deine Kontrolle wieder. Ich kann es nicht zulassen, dass du unserer Mission im Wege stehst.“

Ihr versteht das nicht?! Ich will nur meine Schwester zurück!“

Du verstehst es nicht! Hat er dir nicht gerade gesagt, dass deine Schwester tot ist?“ Die Augen des Suchers fixierten Konni, die jetzt auch vor Angst gelähmt war und die Worte wollten einfach keinen Sinn ergeben.

Tot?! Aber sie liegt doch hier. Was meint er damit?“

Seufzend rieb sich Charles den Nasenrücken. „Das ist ja wohl eine Frechheit. Wie kann man nur so dickköpfig sein. Ich werde meine Zeit nicht länger damit verschwenden und mit dieser Person reden, die einfach keine gescheite Intelligenz besitzt!“ Er wandte sich ab.

Deine gesamte Realität ist nur ein Traum“, sprach jetzt der Schlüssel mit ihr ohne dabei unterbrochen zu werden.

Ein Traum?“

Ganz genau. Wie haben sich die Menschen um dich herum verhalten, als du das erste Mal wieder in die Stadt gekommen bist?“

Konni dachte nach. „Ganz normal. Sie fanden es nicht einmal seltsam, dass ich nach so langer Zeit wieder zurück gekommen bin.“

Und wie haben sie sich verhalten, als du ihnen von deiner Schwester erzählt hast?“

Gar nicht. Es war, als wüssten sie überhaupt nicht von wem ich spreche. Sie erkannten mich und verhielten sich normal. Aber es war, als würde meine Schwester ….“ Sie zuckte zusammen. „...nicht existieren. Wie ist das möglich?“

Ich kann nur spekulieren, aber es scheint, als sei deine Stadt dem Krieg zum Opfer gefallen. Deine Schwester aber wollte, dass du einen Ort hast, an den du zurückkehren konntest und dieser Wunsch hat sich in einen Traum materialisiert. Deine Schwester erträumt diese Stadt von vor vier Jahren mithilfe eines Fragments.“

Das muss eine Lüge sein!“, rief Konni und wollte ihren Kopf schütteln, aber er gehorchte ihr noch nicht, weswegen lediglich Tränen ihre Augen füllten. „Meine Schwester kann nicht tot sein. Das Dorf muss noch existieren!“

Wann bist du wieder zurückgekehrt?“

Vor … vor ungefähr zwei Monaten.“

Hast du seitdem jemals diesen Ort verlassen? Hast du dich einmal an anderen Orten umgehört? Kannst du mit Sicherheit sagen, dass es das Dorf noch gibt?“

Seine Worte waren sinnvoll. Seine Worte waren hart. Sie waren die Wahrheit.

Was soll ich tun?“

Dein Leben weiterleben?“

„Dich nicht so kindisch verhalten“, kam von Charles.

„Neue Süßigkeiten entdecken“, warf Lujan noch ein und bekam dafür einen Stein an den Kopf, woraufhin er sich fragend umsah.

Charles räusperte sich und trat wieder in das Geschehen ein. „Wir werden diesen Traum beenden, ob du nun dafür bist oder nicht.“

„Ich soll... ich soll sie einfach sterben lassen“, schluchzte Konni.

„Sie ist doch schon seit vier Jahren tot und außerdem hast du sie doch nicht sterben lassen“, meinte Charles ungerührt und völlig rational. „Also, lässt du uns jetzt unsere Arbeit machen?“ Er wandte sich ab. „Nicht, dass es einen Unterschied macht. Lujan, lass uns das Ganze endlich beenden.“

Der Junge, der eben noch nach dem Steinwurfursprung gesucht hatte drehte sich jetzt herum und salutierte. „Jawohl.“

Wie ein Hase hüpfte er wieder zu ihnen zurück und hatte nicht im Geringsten die bedrohliche Aura von eben. Er blieb neben den beiden stehen, direkt vor der Frau und erhob die Sense. Sein Gesicht zierte in Lächeln, als er sie hinab schnellen ließ.

Mit einer eleganten Bewegung schob der Thronfolger seine Brille nach oben und streckte die Hand aus, um ein Stück Stein zu fangen, das ihn sonst getroffen hätte.

„Du hast wie immer schlechte Manieren“, raunte er.

Lujan grinste unschuldig, als die Sense wieder verschwand und er den Handschuh über die Skeletthand schob. „Entschuldige, ich war wohl ein bisschen zu kräftig gewesen.“

Konni hatte sich Augen und Ohren zugehalten, aber jetzt blinzelte sie. „Ist es vorbei?“

„So gut wie“, seufzte Charles. „Du andere Arbeit bleibt mal wieder an mir hängen.“ Nun nahm er die Brille ab und schaute Konni in die Augen, die den Blick nicht abwenden konnte.

Es war, als würde sie einfach einschlafen.

Mit einem Ruck wurde sie wach und bemerkte, dass neben ihr ein Tier, das aus Holz geschnitzt war, zu Boden gefallen war. Sachte nahm sie es hoch und übergab es lächelnd dem kleinen Jungen, der ein wenig schüchtern aussah. Er riss es an sich und versteckte sich hinter seiner Mutter, die sich für ihn bedankte. Konni störte es nicht und nahm nur ihren Koffer und stieg aus dem Zug, der in einer großen Bahnhofshalle gehalten hatte.

Sie stand ein wenig verloren herum und wurde deswegen angerempelt und stolperte.

„Vorsicht!“, sprach eine sanfte Stimme und jemand hielt ihre Hand.

„Oh, vielen Dank, ich habe nicht aufgepasst.“

„Kein Problem“, erklärte der Junge in der Uniform und lächelte noch einmal, bevor er gemeinsam mit einem etwa gleichaltrigen, streng aussehenden, Jungen in der Menge verschwand.

Hatte sie sie schon mal gesehen? Wahrscheinlich nicht. So ein auffallendes Paar hätte sie in Erinnerung behalten. Was sollte sie jetzt tun?

„Kannst du nicht aufpassen?!“, raunte Charles leicht verärgert und rümpfte die Nase.

„Was? Was habe ich falsch gemacht?“ Lujan schien es nicht zu wissen.

„Vergiss es! Gehen wir und geben den Stein, sowie den Bericht im Hauptquartier ab.“ Er ging dabei voraus und führte sie durch die Straßen.




Fortsetzung folgt

 

25.10.11 22:31, kommentieren

Update 12.10.2011 Teil 2

UPDATE:

 

Wie ihr wahrscheinlich schon bemerkt habt, habe ich meinen Blog ein wenig verändert. 

Unter "Themen" findet ihr jetzt meine Bücher + Geschichten 

NEU: 

 Zeichnungen

Dort findet ihr Zeichnungen zu Charakteren, die ich gezeichnet habe. 

Charaktere aus Geschichten, die nicht direkt zu mir gehören habe ich vermerkt oder mit einem Link versehen, wo ihr mehr erfahren könnt. 

 

1 Kommentar 12.10.11 16:01, kommentieren

Splitter 1/2 Update 12.10.2011 Teil 1

Neu:

 Splitter:

01 - Introduction

02 - Just do my Work

 

 

Splitter



I

Introduction


General, sie sind alle wieder zurück“, verkündete die Stimme über die Lautsprecheranlage und mit einem Knacken war es wieder still. In dem kleinen, sterilen Büro mit dem Blick auf eine belebte Einkaufstraße.

In seiner strengen Uniform stand General Grasser auf und lief durch das ehemalige Bürogebäude bis er in die Eingangshalle gelangte und dort wartete.

Mit einem fernen und nachdenklichen Gesicht, die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Es dauerte keine zwei Minuten, da öffneten sich die Schiebetüren und die heutigen Mitglieder des Einsatzteams betraten ebenfalls den renovierbedürftigen Raum.

Unverletzt, alle drei. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch irgendwie war es dem General nicht vergönnt die entsprechende Rate dafür zu bringen. Dabei lag es weniger an dem Training, als vielmehr an der Zusammenarbeit seiner Teams.

Alle drei Mitglieder. Allesamt zwischen zwölf und fünfzehn Jahren blieben vor dem General stehen, wobei sie augenblicklich salutierten.

Und pubertierende Kinder des Untergrunds und von der Straße solch eine Disziplin beizubringen, sprach für die Methoden des Generals.

Gehorche und du lebst! Lerne und du steigst auf!

Noch bevor er auch nur den Gedanken zum Sprechen gefasst hatte, übergab Teamleiterin Berryl Leigh ihm das Klappbrett. Die einzige Erwachsene und Aufsichtsperson des Teams.

Sie berichtete: „Heutige Mission in allen Punkten ausgeführt.“

Zwischenfälle?“

Keine.“

Schwächen?“

Werden beseitigt.“

Wegtreten.“ Er hatte die Kinder nicht einmal angesehen, was auch reine Zeitverschwendung gewesen wäre. Seine Gedanken und Überlegungen waren schon sehr viel weiter.

Darum wandte er sich um und lief den halbdunklen Flur entlang. Das einzige Geräusch kam von den Absätzen an Berryls Stiefeln.

Sie durchschritten zwei weitere Türen und liefen den Kellergang entlang, der angefüllt war mit dem Geruch von altem, brackigen Wasser, Rost und Schimmel.

Früher hatte er mehrere Gebäude miteinander verbunden und war stets Lagerraum der Büros gewesen, aber mittlerweile gab es nicht einmal mehr das. Kein einziges Blatt Papier war noch irgendwo zu finden.

Hier unten gab es nur Kälte und Bestrafung.

Der General stieß die Tür zu einem der Lagerräume auf und befand sich in einem Raum, der ärztliche Gerätschaften enthielt. Doch in dem kein Arzt mit auch nur dem kleinsten Mitgefühl für menschliche Wesen arbeiten würde.

Darum war der verantwortliche Professor auch nur hier in der Lage zu arbeiten. Die Beine lagen locker auf einem kleinen Tisch, der übersät war mit Papierkram und Zeitschriften und sicher bald unter dem Gewicht zusammen brechen würde. Der Professor saß zurück gelehnt auf seinem Schreibtischstuhl, fest schlafend. Dabei summten und piepten die verschiedensten Gerätschaften im Hintergrund und warfen haufenweise Daten auf Bildschirme oder Papiere.

General Grasser trat an die Glasscheibe, die nachträglich eingebaut worden war und einen Blick in den Raum daneben gewährte.

Berryl trat an den Arzt heran und räusperte sich einige Male, bevor dieser reagierte.

Oh, Miss Polizistin, das muss ein Traum sein.“ Er schob die Brille vom Kopf auf die Nase und fixierte sie mit seinen wässrigen grauen Augen.

Es war ein abscheulicher Blick.

Bevor er weitere Belästigungen aussprechen konnte, wandte Grasser sich an ihn. „Was haben Sie zu berichten, Professor?“

Argh.“ Fast ein wenig beleidigt stand der alte Mann auf, kratzte sich am Bart und trat ebenfalls an die Glasscheibe. Nachdem er einen Schalter betätigt hatte, flackerten im Nebenraum nackte Neonröhren auf und erhellten alles bis in die letzte Ecke.

Wir können sagen, dass alle gängigen Drogen keinen Einfluss auf den Körper haben. Weder im Blut noch in den Synapsen lassen sie sich nachweisen. Selbst Morphium, in den höchstmöglichen Dosen, wirkt weder tödlich noch schmerzlindernd.“

Wie halten Sie ihn dann im Koma?“

Der Professor grinste amüsiert. „Das möchten Sie nicht wissen, Herr General.“

Ich verstehe. Allerdings haben Sie nicht mehr viel Zeit. In zweiundsiebzig Stunden ist die Übergabe.“

Schade, er ist so ein angenehmer Patient.“ In den grauen Augen sammelten sich Tränen der Überschwänglichkeit und Freude.

Bis dahin sollte er zumindest am Leben sein.“

Verstehe.“ Er verneigte sich, als sein Besuch wieder verschwand.

Professor Simons ist mir nicht geheuer“, bemerkte Berryl beim Zurückgehen.

Das muss er auch nicht“, erwiderte Grasser streng. „Er soll lediglich die Ergebnisse liefern, die ich haben will. Auf welche Wiese, ist mir völlig egal.“

Der jungen Frau lief es automatisch eiskalt den Rücken herunter und sie war erneut über die Gleichgültigkeit überrascht, allerdings nicht mehr entsetzt. Das war ein Gefühl, das sie sich als erstes abgewöhnt hatte. Mitgefühl, Angst und Hoffnung waren Eigenschaften, die in dieser Gesellschaft keinen Platz hatten. Nicht, wenn man am Leben bleiben wollte. Doch wie überall gab es auch hier schwarze – in dem Fall wohl eher weiße – Schafe.

Ich wünsche den Bericht in einer Stunde auf meinem Schreibtisch.“

Berryl verstand, salutierte und ging wieder zurück zu den Arbeitsräumen, um vorbildlich zu arbeiten.

Grasser kehrte ebenfalls in sein Büro zurück und griff sofort zum Telefon. „Wir sind bereit für die Übergabe, handeln aber nur nach unseren Forderungen.“

Am anderen Ende war das Schimpfen und Raunen mehrerer Personen zu hören, bevor Ruhe einkehrte und der Gesprächspartner gewechselt wurde. Dieser sprach ruhig und kurz angebunden.

Keine Sorge, er ist noch am Leben. Und das wird er auch sein, wenn Sie es so arrangieren, wie wir es für richtig erachten. Sie hören von uns.“ Ohne Möglichkeit auf eine Antwort legte er auf und öffnete eine Schublade, in der sich massenhaft Unterlagen befanden. Jetzt musste er nur noch ein Team zusammenstellen.


Ok, Team Eins bewegt sich weiter in Richtung Keller. Team Drei durchsucht das vierte Stockwerk.“ Annelia Rochart saß an der Überwachungsanlage und gab über ihr Headset alle wichtigen Instruktionen, dabei ließ sie sich von niemandem reinreden oder ablenken.

Diese Mission war einfach zu wichtig.

Hier Team Vier“, ertönte es kurz darauf in ihren Kopfhörern. „Wir haben Flur acht gesichert und stehen jetzt vor dem Konferenzraum.“

Annelia von Interpol ließ sich die Szene auf den Monitor schicken und gab weitere Anweisungen: „Bewegen sie sich sich vorsichtig voran.“

Sie sah die Spezialeinheit voran rücken und neben den Türen postieren, dabei befestigten sie Sprengstoff an den Türangeln und gaben sich über Handzeichen Anweisungen.

Drinnen ist es völlig ruhig“, berichtete der Teamleiter. „Wie gehen jetzt rein.“

Seine Sie extrem vorsichtig, wir sind nicht sicher, wie viel Feuerkraft die Täter noch besitzen.“

Die Sprengsätze detonierten und verschafften der Einheit schnellen Zutritt, wobei sie ihre Waffen erhoben hatten und rasch voraus schritten. Drinnen war es stockdunkel, da die Rollläden heruntergelassen waren und somit waren die Männer auf ihre Nachtsichtgeräte angewiesen.

Nachdem sie den Raum einmal komplett überprüft hatten, antwortete Leiter Sochez: „Hier drinnen ist niemand.“

Das kann nicht sein!“ Annelia schlug auf die Ablage und schreckte damit einen der Beamten auf. „Wir haben sie hinein flüchten gesehen und niemand ist seitdem hinaus gegangen. Sehen Sie sich um!“

Er kam der Anweisung nach, musste sie aber erneut enttäuschen.

Verärgert riss sie sich die Kopfhörer herunter und musste tief Luft holen, um sich wieder zu beruhigen.

Was hatte sie übersehen? Wo lag das Geheimnis?

Cherárd, Sie übernehmen.“ Annelia übergab die Leitung an ihren Partner, als sie aus dem Wagen stieg und zu dem Lagerhaus sah, vor dem sie seit zwei Tagen Wache hielt.

Sie musste doch irgendeine Spur finden. Seit sie diesen Fall bekommen hatte, war sie nicht in der Lage irgendwelche Ergebnisse zu liefern. Es war nicht einmal sicher, um welche Organisation es sich handelte.

Wo ist das Puzzleteil?“, murmelte sie vor sich hin und verschränkte die Arme vor der Brust.

All dieses Polizeiaufgebot hatte natürlich Schaulustige und Reporter angelockt, die nun an den Absperrungen standen und den besten Blick erhaschen wollten.

Zivilisten!“, schimpfte sie, hoffte allerdings auf irgendeine Eingebung.

Nicht lange und ihr Blick blieb an einem Mann hängen, der in der Nähe einer Absperrung stand und dabei auf irgendeine Tüte tippte. Irgendetwas an ihm kam ihr seltsam vor.

Er tippte in einem abwechselnden Takt und bewegte immer wieder seine Lippen.

Was war das für ein Gefühl?

Bevor es ihr den letzten Nerv raubte, ging sie zu ihm hinüber.

Entschuldigen Sie bitte“, rief sie bereits aus einer weiten Entfernung. „Monsieur?!“

Er hatte sie noch nicht bemerkt, schien allerdings rascher zu murmeln. Daraufhin wurden auch ihre Schritte zügiger. Bevor sie allerdings anfangen musste zu rennen, war sie bereits angekommen und sprach ihn direkt an. „Verzeihen Sie bitte, Monsieur?!“

Er schien sich jetzt angesprochen zu fühlen und hob den Kopf, dabei bemerkte Annelia die Narben um die Augen und wusste, dass er blind war.

Sie ärgerte sich über ihr Misstrauen, das sonst viel besser war.

Das war so gar nicht wie sie.

Kann ich helfen, Madame?“, fragte er, da sie nichts weiter gesagt hatte. Er sprach einen deutlichen osteuropäischen Akzent, weswegen sein Französisch beinahe nicht zu verstehen war.

Nein, entschuldigen Sie bitte die Störung“, erklärte sie nur rasch und wandte sich von ihm ab.

Das war eindeutig nicht ihr Tag.

In dem Augenblick erschütterte eine Explosion die Umgebung und zerstörte in Folge zwei weitere Lagerhäuser. Hitze und Rauch erfüllten die Luft. Polizei und Passanten rannten sich gegenseitig um und mittendrin war Annelia und versuchte Ordnung unter die Leute zu bringen.

Was hatte sie übersehen?

Wütend auf sich und die Welt brüllte sie jeden Beamten an, der ihr in den Weg kam. Dabei lief sie zum Überwachungswagen und riss die Tür auf.

Könnte mir jemand mal sagen, was...“

Sie brach mitten im Satz ab und starrte auf die beiden Leichen, die am Boden lagen und beide einen präzisen Kopfschuss aufwiesen.

Wie konnte das passieren? Sie war sich sicher, dass es selbst bei genauen Untersuchungen keine Beweise und Hinweise geben würde. Doch das würde nur ihre Neugier weiter schüren. Egal was nötig war, so würde sie diesen Fall beenden. Um jeden Preis!




II


Just do my work


Wo ist er?“, fragte der Mann in dem teuren Anzug, kaum dass er durch die Tür getreten war.

Sein ganzes Gebaren und die nervös zuckenden Hände zeugten davon, dass er sehr ungeduldig war und erwartetet, dass man ihm gehorchte.

Ich will wissen, wo er ist?“, brüllte er erneut.

Einer der Anwesenden, ein junger Mann, zeigte auf die Tür hinter sich.

Er ist nebenan“, antwortete er und zog an seiner Zigarette. „Allerdings schläft er gerade, darum sollten Sie ihn nicht stören.“

Der wütende Afrikaner beachtete die Worte nicht, sondern riss die Tür zum Nebenraum auf und befand sich in einem Zimmer, dessen Fenster weit offen standen und die Geräusche der Straße hinein ließen. Ein alter Ventilator drehte sich auf dem Boden und auf dem Bett lag der Gesuchte.

In der Hitze trug der junge Mann nur eine einfache Boxershort, weswegen sein kompletter Körper zur Schau stand. Bandagen zierten viele Stellen, doch dazwischen erkannte man Narben, von unterschiedlicher Herkunft, oder Tätowierungen.

Durch das laute Öffnen der Tür regte er sich und hob langsam den Kopf. Ein kristallblaues Auge sah den Besucher an, während das andere von einer Augenklappe verdeckt war.

Sie wünschen?“, fragte er und saß auf dem Bett, das schwarze Haar stand dabei von allen Seiten ab.

Wieso ist Udogo noch nicht tot?“, rief der Klient verärgert. „Ich habe einen Auftrag erteilt und wünsche, dass dieser auch ausgeführt wird.“

Dann wird es auch passieren“, meinte der Schwarzhaarige ruhig und fischte nach einer Wasserflasche. „Sie haben uns keinen Zeitplan gegeben, weswegen wir da frei gestellt sind. Wenn Sie einen Aufschlag geben, dann können wir das regeln.“

Dem Afrikaner platzte nun endgültig der Kragen und er schlug die Flasche aus der Hand und packte den Jungen an der Kehle.

Ihr seid nur Auftragskiller und lebt von unserem Geld. Es wäre ebenfalls möglich, dass ihr auf offener Straße getötet werdet und niemand würde es stören. Nehmt euch nichts raus und erledigt euren Auftrag! Mehr seid ihr nicht wert!“ Seine Sprache war ins Französische umgeschlagen, doch der junge Mann mit der Zigarette stand im Türrahmen und übersetzte es, bevor er hinzufügte: „An Ihrer Stelle würde ich ihn loslassen, wenn Sie den Raum in einem Stück verlassen wollen.“

Der Klient wollte antworten, als er die Halsmuskeln des Jungen spürte, die sich unter seinem Griff bewegten. Er drückte ein wenig fester zu, erschrak jedoch bei dem Lächeln, das ihm entgegen gebracht wurde.

Dieser Junge war niemals älter als siebzehn und dennoch war er in der Lage ein freudiges Lächeln zustande zu bringen. Und der Blick in seinem Auge war eiskalt und zeugte von den Tiefen seiner seelischen Narben.

Noch immer war der Auftraggeber nicht beruhigt, ließ jedoch von dem Jungen ab und sprach noch eine Warnung aus, bevor er verschwand.

Sobald wieder Ruhe eingekehrt war, streckte der Junge die Hand aus und ließ sich eine Zigarette geben.

Wieso hast du ihn reingelassen, Jo?“, fragte er daraufhin und stand von dem kleinen Bett auf.

Er ist der Auftraggeber“, antwortete dieser und kehrte in den Vorraum zurück, um kaltes Bier zu holen und seinen Kollegen zuzuwerfen. „Der Kunde ist König!“

Kind!“

Hey!“, beschwerte Jo sich und nahm auf dem alten Sofa Platz. „Ich bin ein Jahr älter als du, also hast du mich mit Respekt zu behandeln.“

Der Junge schlang daraufhin die Arme um seinen Hals und streichelte ihm durch das Haar. „Wenn du magst kannst du mich dafür auch bestrafen.“

Jonathan zündete eine neue Zigarette an und starrte auf die Wand gegenüber.

Sei nicht albern, Sora. Die Hitze macht dir zu schaffen. Geh dich duschen, damit wir den Auftrag erledigen und endlich von hier verschwinden können.“

Sora seufzte und biss Jonathan noch einmal in den Hals, was diesen an die Decke gehen ließ, bevor jener laut lachend verschwand.


Die Straßen des afrikanischen Dorfes waren dreckig und es war laut. Männer und Kinder mit Gewehren und automatischen Waffen liefen überall umher.

Leid und Gewalt an jeder Ecke wurde nicht mehr von den Menschen beachtete.

Der Jeep mit den Männern bahnte sich einen Weg und wurde nur am Rande beachtet und misstrauisch beäugt.

Der Fahrer war ebenfalls Afrikaner und kannte sich in der Gegend am Besten aus, Übersetzer war dabei stets Jonathan, der mehr Sprachen beherrschte als es ein normaler Mensch konnte. Auf dem Rücksitz saß Sergo, ein Russe, der das Überleben in Kriegsgebieten am Besten beherrschte. Und Sora, dessen auffälligstes Merkmal gerade das weiße Handy, mit den verschiedensten Anhängern der Welt, war.

Ihr Weg führte sie durch verlassene und unebene Gebiete direkt zu einem Rebellenlager. Dort, wo sie ihr Opfer zu finden wussten.

Nach zwei Stunden in der heißen Sonne und einer Straße, der ihren kompletten Körper verkrampft hatte, hatten sie ihr Ziel erreicht. Etwa hundert Meter vor ihnen standen mehrere Zelte und einfache Hütten aus Baumwerk und Blech. Sie waren alle verlassen und vereinsamt, für den einfachen Betrachter. Allerdings wussten die Vier, dass sich die eigentlichen Wilderer nur wenige Meter entfernt in sicheren Verstecken befanden.

Der Fahrer stellte den Motor nicht ab, sondern ließ ihn demonstrativ laufen.

Jonathan wandte den Kopf herum.

Ihr habt eine Stunde Zeit. Wir greifen euch dann wieder auf.“

Wir brauchen nicht mal eine halbe“, tönte Sora laut, als er ausstieg und zu Sergo an den Kofferraum trat.

Dort fanden sie Schusswaffen und anderes schweres Gerät vor, aus denen sie sich das Nötigste aussuchten. Während Sergo also die Jagdmesser überprüfte, schnallte Sora sich den Gürtel mit den Patronen um die Hüfte und nahm sonst nichts mit. Sobald der Kofferraum geschlossen war, waren die beiden schon auf ihrem Weg.

Ich gehe vor und finde sie“, erklärte Sergo in brüchigem Englisch, was der Junge mit einem Nicken zur Kenntnis nahm und langsam weiter ging.

Der Russe war rasch im Unterholz verschwunden und bewegte sich beinahe geräuschlos weiter.

Sora hingegen ging öffentlich auf dem Weg lang und zog an seiner Zigarette. Er sah sich einige der verlassenen Zelte an, fand jedoch nur leere Patronen oder rostige Waffen, die nicht mehr benutzt werden konnten. Nicht einmal Fußabdrücke oder abgeknickte Zweige ließen darauf schließen, dass hier Menschen gewesen waren. Jeden anderen konnten sie damit überzeugen, doch Sora und das Team gehörten ja nicht zu den anderen.

Er schaute eben noch hinauf zum wolkenlosen Himmel, da vernahm er den Anschlag einer Waffe und spürte ihren Lauf in seiner Seite.

Was du hier?“, fragte der Waffenbesitzer in schlechtem Französisch.

Ein Kindersoldat, von denen es in dieser Gegend einfach zu viele gab.

Sora ging nicht gerne gegen Kinder vor, wenn er die Hoffnung sah, dass sie noch die Aussicht auf ein anderes Leben hatten. Und es auch wollten. Doch wenn diese ihre eigene Arroganz und die Härte des Lebens nicht verstanden, dann würde er auch da keine Gnade zeigen.

Langsam nahm er die Zigarette aus dem Mund, wandte den Kopf und sah den Jungen an, der nicht älter als vierzehn sein konnte.

Abgegriffene Kleidung und einfache Lederschuhe trug er nur am Körper, doch ein automatisches Maschinengewehr in der Hand. In seinen Augen blitzten Härte und Autorität auf, die Sora wohl einschüchtern sollten.

Dieser hob nicht einmal die Hände, sondern fixierte die Waffe und erklärte: „Eine automatische 47-DX aus der russischen Armee. Original benutzt im zweiten Weltkrieg. Dieses Modell wurde von Sunkjev Ortarrov überarbeitet und von Kriest Olen vervollständigt.“ Natürlich hatte er die Erklärung in fließendem Englisch gehalten, da sein Französisch ebenfalls nur schlechtes Schulniveau erreichte.

Der Junge hatte ihn natürlich nicht verstanden, wiederholte dafür aber seine Frage und wedelte mit dem Gewehr vor seiner Nase herum.

Sora hob mahnend den Finger. „Man sollte Waffen nicht durch die Gegend schleudern, dadurch haben die Gegner eine leichte Chance, sie dir wegzunehmen.“

Er wusste nicht einmal, warum er so viel erzählte. Vielleicht weil sein Gegenüber ihn nicht verstand oder er darauf wartete, dass dieser einen Fehler machte. Größer als bisher.

Die Stimme des Kindes wurde lauter und aggressiver, sein Gebären nachdrücklicher.

Ich verstehe dich nicht!“, wiederholte auch Sora weiterhin, bis er nach seiner Zigarettenschachtel griff, die der nervöse Junge ihm aber aus der Hand schlug.

Das konnte auch der Schwarzhaarige nicht länger hinnehmen und ergriff mit einer schnellen Bewegung den Lauf der Waffe.

Entsetzt schrie der Junge ihn an oder rief nach Hilfe, das konnte Sora nicht genau sagen. Die penetrante Stimme schlug ihm allerdings allmählich auf die Nerven und er bekam Kopfschmerzen. Ohne Entschuldigung schickte er einen Stromstoß durch seinen Körper, der von der Waffe weitergeleitet wurde und den Jungen ungehindert traf.

Für dessen Nervenenden und den Synapsen war diese Reizung zu viel, weswegen der junge Körper mit einer Ohnmacht reagierte. Die Waffe und der Junge fielen zu Boden und Sora würdigte sie keines weiteren Blickes.

Er ging um das Zelt herum und sah die Rauchschwaden aus einzelnen Büschen steigen.

Sergo erledigte seine Aufgabe gewissenhaft. Nun musste Sora sie nur noch zu Ende bringen.

Er griff an den Gürtel und nahm jeweils drei Patronen in jede Hand und richtete diese auf die Rauchstellen. Mittlerweile war nicht mal mehr Konzentration vonnöten, als er den Strom punktgenau auf die Patronen lenkte und diese damit aktivierte. Gefährlicher als jede Schusswaffe und viel genauer traf er damit seine Ziele. Tödlich und ohne jegliche Geräusche.

Eine Herausforderung hatte es schon lange nicht mehr gegeben.


Ähm, hallo?“

Der blond-haarige Mann stand völlig verloren in dem leeren Eingangsbereich. Das Wachhäuschen war ebenfalls verlassen und nirgendwo gab es eine Klingel. Die einzige Tür, gegenüber des Eingangs, war fest verschlossen.

Noch einmal sah er auf seine Armbanduhr, doch die Uhrzeit stimmte. Vielleicht hatte er sich aber auch im Datum geirrt.

Halb verzweifelt und den Tränen nahe, rief er noch einmal in den verlassenen Raum.

Vielleicht war der Wachmann ja einfach kurz unterwegs und machte seine Runde. Es wäre wohl besser, wenn er einfach hier warten würde.

In hockender Position verharrte er also an der Wand und wartete. Geduldig und mit einem seligen Lächeln auf den Lippen.

Fünf Minuten, zehn Minuten, dreißig Minuten. Nach über einer Stunde und dem Gesichtsausdruck einer debilen Marmorstatue, tippte ihn jemand mit einem Stock an. Zur eindeutigen Überprüfung von Lebenszeichen.

Eva, du sollst doch nicht immer mit dem Müll spielen“, hörte der Mann eine entfernte Stimme und versuchte seine Gliedmaßen zu bewegen.

Bitte …. nicht gehen.“ Er klang wie ein Mann, der dem Sterben nahe war.

Sobald auch seine Augen wieder fokussiert waren sah er in das Gesicht des kleinen Mädchens. Große schwarze Knopfaugen und braune Zöpfe zierten das Puppengesicht ohne Ausdruck von Freude oder anderen Gefühlsregungen.

Ich … ich suche Birte van Gaalen“, erklärte er rasch und suchte nach der Visitenkarte. „Ich sollte mich bei ihr melden.“

Eva zog den Mann am Ärmel und deutete ihm ihr zu folgen.

Ein wenig überrascht kam er auf die Beine und bemerkte erst jetzt den Begleiter der Kleinen.

Ein hübscher Junge, der allerdings aussah, als wäre er ein Ausreißer.

Müsstest du nicht in der Schule sein?“, fragte er demnach völlig ruhig und wie selbstverständlich. Sora sah ihn an und hob eine Augenbraue. „Ich bin schon vieles gefragt worden, aber das noch nicht“, musste er zugeben.

Dann ging er vor und trat durch die verschlossene Tür, gefolgt von Eva und dem Mann.

Um seine Nervosität zu überspielen, sah er das Mädchen an und fragte: „Mein Name ist Alexander Ohlen und wie ist dein Name?“

Sie heißt Evangelina, aber wir sollen sie nur Eva nennen“, antwortete Sora an ihrer Stelle.

Du kannst nicht reden?“ Es war kein Vorwurf und Eva sah ihn nur an.

Wiederum meldete sich Sora. „Sie redet nicht auf herkömmlichem Weg.“

Verdutzt und neugierig wollte Alexander weitere Fragen stellen, doch sie hatten den beleuchteten Flur mittlerweile durchquert und traten durch eine weitere Schiebetür. Der Raum dahinter ließ Alexander den Mund offen stehen.

Eine riesige Halle, die voll war mit abgetrennten Arbeitsbereichen und in beinahe jedem saß ein Mann oder eine Frau fleißig arbeitend.

Von ihrem Blickpunkt aus wirkten sie wie Ameisen in ihrem Bau, der sich immer weiter in die Länge zog. Obwohl Alexander so lange in dem Eingangsbereich gewartet hatte, so war ihm doch nicht einer von den Arbeitenden begegnet. Selbst vor dem Komplex nicht.

Woher also kamen sie?

Da er eine ganze Weile einfach nur dagestanden hatte, wurde er von Eva, an seiner Jacke weiter gezogen. Dabei gingen sie durch die schmalen Gänge und er erhaschte immer wieder einen Blick auf die Arbeitsplätze, konnte jedoch wenig damit anfangen. Und all diese Anzugträger würdigten sie keines Blickes und störten sich nicht an dem kleinen Mädchen oder dem tätowierten Jungen.

Doch irgendwann rollte jemand mit einem Stuhl in den Gang und hob die Hand. Sora und Eva steuerten sofort auf diesen zu.

Dessen Arbeitsplatz beherbergte fünf Telefone und an seinem Gürtel hingen noch drei weitere Handys. Zwei Hörer hatte er bereits an dem Ohr und sprach deutlich, trotz der beiden Zigaretten im Mund.

Vom Aussehen her konnte er ebenfalls nicht älter als Sora sein. Während sie nun zu dritt an der Trennwand standen, sprach der Fremde in einen Hörer: „No, lennot ovat thosso tälla hethellä.“ Und er legte auf und wandte sich ihnen zu, das weitere Klingeln ignorierte er.

Mit erhobener Hand sprach er: „Πού είναι οι εκθέσεις;“

Alexander verstand kein Wort, aber es schien auch nicht an ihn gerichtet zu sein, da Sora darauf antwortete: „Sergo νοιάζεται.“

Damit schien der Mann zufrieden zu sein, griff jedoch nach weiteren Zettel. „Και όταν θέλετε να πάρετε επιτέλους νέες σημειώσεις σας;“

Sora gähnte. „Αργότερα.“

Sein Gesprächspartner seufzte und fragte daraufhin: „Δεν υπάρχει τίποτα που σας ενδιαφέρει;“

Das Gespräch schien eindeutig zu Soras Gunsten zu verlaufen. Mit einem leichten Lächeln antwortete er: „Ναι, αλλά δεν είχα εδώ.“ Dann zeigte er zu Alex hinüber. „Αυτό είναι το νέο και ψάχνει Birte. Πάω για ύπνο.“ Mit diesen Worten verschwand er, bekam jedoch noch hinterher gerufen. „Δεν έχουμε τελειώσει με το άλλο.“

Als der junge Mann sich auch noch die dritte Zigarette angezündet hatte, musterte er Alexander ungeniert. „Du willst also zu Birte?“

So war es verabredet.“

Gut, ich bringe dich hin. Eva, du gehst in die Abteilung Drei.“ Er erhob sich von seinem Platz und mit dem Umlegen eines Schalters waren alle Telefone still. Daraufhin sah er sofort ruhiger aus und massierte sich die verspannten Schultern.

Das Büro der Abteilungsleiterin lag im hintersten Teil des Komplexes, hinter einer dicken Glasscheibe und für alle sichtbar.

Ein riesiger Schreibtisch aus Metall stand als einziger in der Mitte des Zimmers, mit wenig Papierarbeit. Die weiteren elektronischen Geräte waren lediglich ein Telefon und ein Fernseher. Sonst war der Raum steril und leer. Damit nichts eine plötzliche Flucht aufhalten würde.

Die Abteilungsleiterin selber war eine Frau Anfang Vierzig mit streng zurück gekämmten Haaren und einem dunklen Rockanzug. Wenn sie nicht telefonierte, kümmerte sie sich um ihre Mitarbeiter. Jonathan klopfte an die Tür und trat nach einer Handbewegung ein. Ohne weitere Verzögerungen legte die Frau den Hörer beiseite und stand auf.

Mein Name ist Birte van Gaalen.“ Ihr niederländischer Akzent war nur schwach zu erkennen.

Ein wenig überrascht trat Alexander vor und verneigte sich kurz. „Ich bin Alexander Ohlen.“

Freut mich. Entschuldige mich noch einen Moment.“

Der Mann nickte und trat einen Schritt zur Seite, als Birte sich an Jo wandte. „Wat is uw rapport?“

We hebben alle nodige documenten en kaarten, evenals de veiligheid bij de douane. U hoeft nu alleen het team.“

Een uur en je hebt alle gegevens“, bemerkte sie und Jo nickte und griff zu seinem Handy. „Toen ik wachten.“ Er verließ den Raum und Birte sah Alexander an.

Ich bin im Bilder über deine Fähigkeit und deine Akte. Gibt es von dir aus dazu noch etwas zu sagen?“

Noch immer recht nervös, fragte er: „Was genau ist die Aufgabe? Der General hat sie mir bereits erklärt, aber ich bin das erste Mal in einem fremden Team.“

Trotz der Strenge, brachte Birte ein sanftes Lächeln zustande. „Dann ist deine Nervosität natürlich verständlich. Lass mich dir das Team vorstellen.“

Sie griff nach einer Fernbedienung und sofort leuchtete der Bildschirm auf. In kleinen Feinstern wurden Akten und vier Mitglieder gezeigt. Mit einem Knopfdruck trat eines davon in den Vordergrund und Birte setzte zur Erklärung an: „Jonathan Johnston hast du bereits kennen gelernt. Er wird Dolmetscher sein. Da ihr es mit mehreren hochrangigen Mitgliedern des Untergrunds zu tun haben werdet, aus allen Teilen der Welt. Mit deiner Kraft kann er dann ihre Gedanken übersetzen und weiter geben. Euer Bodyguard wird Sora sein.“

Alex sah überrascht das Bild an. „Dieser Junge? Ich habe ihn eben gesehen. Wird er das schaffen?“

Jeder will ihn als Bodyguard haben, aber außer Jonathan kann ihn niemand im Zaum halten.“

Also hatte er mit dem Bild des Ausreißers wohl Recht gehabt.

Dann kam Birte zum letzten Bild. „Teamleiter der ganzen Aktion wird Paul Rosé Sanchez sein. Im Moment ist er Drogenbaron in Mexiko und im Begriff einer der ganz Großen zu werden. Ihr begleitet ihn, unter dem Vorwand, dass er seine Handelsroute ausweiten will. Alles Wichtige findest du in den Akten.“ Sie übergab ihm einen braunen Umschlag. „Lies es dir gut durch und merk es dir. Ein Hotelzimmer hast du?“ Alexander nickte. „Gut, dann solltest du dich dort ausruhen. Euer Flug geht morgen früh um neun, dein Taxi ist um sieben da. Ich wünsche dir viel Spaß auf der Reise.“

Sie sagte es mit einem freundlichen Lächeln, als würde sie ihn in einen erholsamen Urlaub schicken.

Normalerweise war er es gewohnt, dass die Aufträge und alle Auftraggeber eine kalte und militärische Note besaßen. Und das lag nicht alleine an General Grasser, es zeigte in welcher Welt sie lebten.

Doch hier war es so anders. So lebhaft, so freundlich und familiär, dass sogar er sagen konnte, dass es um einiges gefährlicher war.

Nachdem er sich noch einmal verabschiedet hatte, ging er in die Richtung aus der er gekommen war. Dabei öffnete er den Umschlag und sah bereits die Mappe und die Ausweise, die für ihn waren. Eigentlich war es ein Auftrag, wie er es gewohnt war.

Er starrte auf das Bild innerhalb seines Ausweises und den Namen.

Mark Waller.

Krach!

Natürlich hatte er wieder nicht auf seine Umgebung geachtet und rannte sofort den Nächstbesten um.

Es tut mir leid, es tut mir leid“, entschuldigte er sich sofort, während er sich noch auf den Knien verbeugte.

Jemand griff nach der Mappe, die hinausgefallen war und hielt sie fest. Darum schaute Alexander schuldbewusst nach oben und erschrak noch einmal. Sora! Und es schien, als sähe er mit einem strengen Blick auf das Papier.

Du bist also ebenfalls im Team?“, fragte er frei heraus.

Er sprach so einfach mit ihm. Wahrscheinlich war er tatsächlich kein schlechter Kerl.

Weil der Blondhaarige nicht sofort antwortete, drehte Sora den Kopf ein wenig zur Seite. Sofort stammelte er: „Ja.. ja, das bin ich. Aber bist du nicht eben noch weggegangen.“

Ich wurde gestört und konnte nicht in Ruhe schlafen. Das gehört dir.“

Vielen Dank.“ Er stopfte alles wieder in den Umschlag.

Bis später.“ Sora hob die Hand und war auf dem Weg an Alexander vorbei, da blieb er plötzlich stehen. „Was?“

Häh?“ Alexander verstand nicht, weswegen Sora auf seinen Pullover zeigte, an dessen Saum sich der Blonhaarige festhielt. „Ah .. äh... das war...“

Ja, was war es eigentlich? Es war aus Reflex geschehen.

Ich dachte, es wäre schade, sich jetzt einfach so zu trennen. Vielleicht können wir noch ein wenig reden.“ Er lachte auf, doch da Sora weiter missmutig drein blickte, verstummte er allmählich und war erneut den Tränen nah.

War eine verdammt miese Idee gewesen. Warum war er immer so vorschnell? Schließlich kannte ihn niemand und er musste doch wissen, wie es in ihrer Welt vorging.

... cino?“

Was?“ Alexander horchte auf, weil ihm war, das etwas gesagt wurde.

Tatsächlich war es Sora, der mit seinem Daumen nach links zeigte und wiederholte: „Trinkst du Cappuccino? Wir können in die Cafeteria gehen, ich kann etwas zu essen vertragen.“

Natürlich, gerne.“ Wieder fröhlich und erleichtert folgte er Sora, der zum Fahrstuhl ging und dann fuhren sie in den zweiten Stock, wo sich eine Kantine und ein Café befanden. In dem Café nahmen sie schließlich an einem Fenster Platz und bestellten Getränke und Kuchen. Mit mehreren Tellern vor sich, begannen sie zu essen und sich zu unterhalten.

Ich habe gehört, dass du unser Bodyguard sein wirst, ist das nicht eine sehr anstrengende Aufgabe für dich? Ich meine, du siehst nicht aus, wie ein Bodyguard. Dabei meine ich nicht, dass du deinen Job nicht machen kannst.“

Wo hast du vorher gearbeitet?“, erkundigte sich Sora schließlich und nachdem Alex das riesengroße Stück Erdbeerkuchen, das auf seiner Gabel war, herunter geschluckt hatte, da antwortete er: „Ich arbeite eigentlich unter der Führung des Generals und bin das erste Mal in einem anderen Team tätig. Hast du schon mal woanders gearbeitet?“

Ständig. Ich arbeite, wann und wie es mir gefällt.“

Neugierig horchte Alexander auf. „Also auch für den General? Dann sind wir uns vielleicht schon mal über den Weg gelaufen und wissen es nur nicht.“ Er lachte auf und nahm sich den nächsten Kuchenteller vor.

Ich kann den General nicht ausstehen.“

Nun erschrak Alex, da Sora so offenkundig seine Meinung kund tat, musste er selber doch unter ganz anderen Umständen arbeiten und solch eine Meinung wurde ganz rasch unterdrückt.

Sora schien zu wissen, was sein Gegenüber dachte, weswegen er sofort anfügte: „Der General weiß das ganz genau und nimmt es hin. So lange ich meinen Auftrag erledige ist es ihm egal.“

Verstehe. Du bist sehr ehrlich, oder?“

Ich lasse mir nicht alles gefallen und handle dementsprechend. Wenn man die Regeln beachtet, dann gibt es keine Probleme zwischen uns.“

Alex nahm einen großen Schluck von seinem Cappuccino und fragte: „Und wie lauten die Regeln?“

Wenn du etwas von mir willst, dann frag Jo. Er weiß mit mir umzugehen.“ Sora lächelte zum ersten Mal und obwohl es ihn sehr attraktiv machte, so war es auch kalt und unberechenbar.

Alexander war überrascht, wie einfach Sora all diese Sachen hinnahm und anscheinend auch selber wusste, wie die anderen von ihm dachten. Hatte Birte ihm doch so etwas Ähnliches noch vor Kurzem erzählt.

Dann hoffe ich, dass ich alles richtig mache und dich nicht verärgere. Aber ich wusste gar nicht, dass es nur einen Bodyguard für uns alle gibt. Schaffst du das?“

Erneut musste Sora lächeln und beugte sich zu Alexander vor. „Keine Sorge, ich werde schon gut auf dich aufpassen.“

Danke, denn ich bin leider nicht sonderlich stark, weswegen ich selten für gefährliche Mission eingesetzt werde. Eigentlich eine Schande für die Arbeit beim General.“ Er wurde ein wenig nachdenklich und traurig, während er bereits sein viertes Stück Kuchen hinunter schlang.

Ich verspreche dafür zu sorgen, dass du nicht stirbst, reicht das?“

Alex sah auf und Sora direkt ins Gesicht, der völlig ernst bei der Aussage gewesen war. Peinlich berührt, dass er so etwas gesagt hatte, senkte der Blondhaarige sofort wieder seinen Kopf und war rot bis zu den Ohren.

Ja, entschuldige, dass ich so etwas gesagt habe.“

Wir sehen uns dann morgen früh.“ Selbstverständlich stand Sora auf und verschwand mit einem Wink.

Mit großen und bewundernden Augen starrte Alexander ihm noch hinterher.

 

2 Kommentare 12.10.11 15:56, kommentieren